Nur
einmal bringt des Jahres Lauf
uns Lenz und Lerchenlieder.
Nur
einmal blüht die Rose auf,
und dann verwelkt sie wieder;
nur
einmal gönnt uns das Geschick
so jung zu sein auf Erden:
Hast
du versäumt den Augenblick,
jung wirst du nie mehr werden.
Drum
lass von der gemachten Pein
um nie gefühlte Wunden!
Der
Augenblick ist immer dein,
doch rasch entfliehn die Stunden.
Und
wer als Greis im grauen Haar
vom Schmerz noch nicht genesen,
der
ist als Jüngling auch fürwahr
nie jung und frisch gewesen.
Nur
einmal blüht die Jugendzeit
und ist so bald entschwunden;
und
wer nur lebt vergangnem Leid,
wird nimmermehr gesunden.
Verjüngt
sich denn nicht auch Natur
stets neu im Frühlingsweben?
Sei
jung und blühend einmal nur,
doch das durchs ganze Leben!
Richard von Wilpert (1862-1918)
